Manchmal sitze ich im Zug, schaue aus dem Fenster, alles zieht vorbei, und ich frage mich genau das. Was ist jetzt eigentlich wichtiger. Da anzukommen oder das ganze Dazwischen. Klingt erstmal wie so ein typischer Instagram-Spruch mit Sonnenuntergang und Kaffeetasse, ich weiß. Aber je älter ich werde – okay, so alt bin ich auch nicht, aber ihr wisst was ich meine – desto öfter stolpere ich über diese Frage. Nicht weil ich besonders tiefgründig bin, eher weil ich ständig merke, dass ich irgendwas jage.
Der ganze Stress wegen einem Punkt am Ende
Früher dachte ich immer, das Ziel ist alles. Schule beenden. Studium fertig. Job bekommen. Besserer Job. Mehr Geld. Noch mehr Geld. So wie eine Checkliste, die nie endet. Wenn man das Ziel erreicht hat, fühlt man sich kurz gut. Wirklich nur kurz. Vielleicht so zwei Tage, manchmal sogar nur zwei Stunden. Dann kommt schon das nächste Ziel um die Ecke und winkt frech.
Ich erinnere mich noch an meinen ersten richtigen Job. Ich dachte, wow, jetzt hab ich es geschafft. Ich bin angekommen. Spoiler: war ich nicht. Nach drei Monaten war ich genervt, müde, und hab mich gefragt, ob das jetzt die nächsten 40 Jahre so weitergeht. Das Ziel war da, aber irgendwie war es leer. Wie ein Geschenk, das von außen super aussieht und innen nur Luftpolsterfolie hat.
Die Reise klingt romantisch, ist aber oft anstrengend
Jetzt könnte man sagen, okay dann ist halt die Reise wichtiger. Klingt schön. Aber ehrlich gesagt, die Reise nervt oft auch. Die Reise besteht aus Stress, Fehlern, falschen Entscheidungen und diesen Momenten, wo man nachts wach liegt und denkt: Was mache ich hier eigentlich.
Niemand postet auf Social Media die echten Reise-Momente. Niemand zeigt den Kontostand kurz vor Monatsende oder die zehn Absagen auf Bewerbungen. Man sieht nur „Trust the process“ und irgendwelche Leute, die angeblich alles lieben, was sie tun. Ich glaub das denen nicht immer. Oder sagen wir so, ich glaube es ihnen vielleicht an den guten Tagen.
Die Reise fühlt sich manchmal an wie ein langer Umweg mit Baustellen. Und man fragt sich, ob man nicht irgendwo falsch abgebogen ist. Ist das jetzt Wachstum oder einfach nur Chaos.
Geld als perfektes Beispiel für Ziel gegen Reise
Beim Thema Geld merkt man das besonders krass. Viele sagen, ich will reich sein. Das Ziel ist klar. Aber der Weg dahin? Sparen, verzichten, Überstunden, Nebenjobs, Risiken. Das fühlt sich selten glamourös an. Eher wie kalter Kaffee am Montagmorgen.
Ein lustiger Fakt, den kaum jemand erwähnt: Laut einer Studie aus den USA fühlen sich Menschen ab einem bestimmten Einkommen kaum noch glücklicher. Die Zahl liegt irgendwo umgerechnet bei einem soliden Mittelklasse-Gehalt. Alles darüber ist eher Gewohnheit als echtes Glück. Trotzdem rennen alle weiter. Wie auf einem Laufband, das immer schneller wird.
Ich hab mal versucht extrem zu sparen. Wirklich extrem. Kein Essen gehen, kein Kino, alles selbst kochen, sogar Kaffee von zuhause mitnehmen. Nach drei Monaten hatte ich etwas mehr Geld, aber auch null Lust auf irgendwas. Die Reise war so unerquicklich, dass mir das Ziel plötzlich egal war.
Warum wir Ziele brauchen, auch wenn sie uns enttäuschen
Trotzdem, ganz ohne Ziel geht es auch nicht. Ich hab das ausprobiert. Einfach treiben lassen, schauen was kommt. Klingt entspannt, endet aber schnell in Netflix um drei Uhr nachts und schlechtem Gewissen am nächsten Morgen. Ziele geben Richtung. Wie Google Maps fürs Leben. Auch wenn man manchmal eine andere Route nehmen muss.
Ziele motivieren uns, morgens aufzustehen. Sie geben der Reise einen Sinn. Ohne Ziel fühlt sich die Reise eher wie Zeit totschlagen an. Und ehrlich, niemand will das Gefühl haben, Jahre einfach verschwendet zu haben.
Vielleicht ist das Ziel nicht das Problem. Vielleicht ist es unsere Erwartung, dass das Ziel alles lösen soll. Dass wir dort endlich glücklich sind, entspannt, zufrieden mit uns selbst. Das ist zu viel Druck für einen einzigen Punkt in der Zukunft.
Die Reise verändert uns mehr als das Ankommen
Was mir langsam klar wird: Die Reise macht eigentlich die ganze Arbeit. Auf der Reise lernen wir, scheitern, passen uns an. Das Ziel ist oft nur ein Beweisstück. So nach dem Motto: Siehst du, ich hab was durchgezogen.
Wenn ich zurückdenke, erinnere ich mich kaum an die Ziele selbst. Ich erinnere mich an die Gespräche, die Fehler, die peinlichen Momente. An die Zeit, in der ich unsicher war und trotzdem weitergemacht habe. Das ist irgendwie das, was hängen bleibt.
Ein Freund von mir hat mal gesagt, das Ziel ist wie das Foto am Ende vom Urlaub. Schön anzusehen, aber nicht der Urlaub selbst. Und irgendwie stimmt das. Man hängt das Bild an die Wand, aber die Erinnerungen entstehen unterwegs.
Social Media macht alles komplizierter
Social Media hat das Ganze nochmal verschärft. Alle zeigen ihre Ziele. Neuer Job. Neues Auto. Neues Land. Keiner zeigt den Weg dahin. Oder nur in gefilterter Version. Dadurch denkt man ständig, man ist zu langsam oder falsch unterwegs.
Ich hab mich schon oft dabei ertappt, wie ich mein eigenes Leben mit einem 15-Sekunden-Clip vergleiche. Total unfair, aber passiert trotzdem. Und dann wirkt die eigene Reise plötzlich langweilig, obwohl sie es eigentlich nicht ist.
Online gibt es gerade viel Gerede über „romantisier dein Leben“. Ich finde das gleichzeitig schön und gefährlich. Schön, weil es hilft, kleine Dinge zu schätzen. Gefährlich, weil man so tut, als wäre jede Reise automatisch toll. Ist sie nicht.
Vielleicht ist die Frage selbst falsch
Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, dass die Frage „Ziel oder Reise“ uns ein bisschen austrickst. Als müsste man sich entscheiden. Wie Team Ziel oder Team Reise. Vielleicht braucht man beides, aber in unterschiedlichen Mengen, zu unterschiedlichen Zeiten.
Manchmal braucht man ein klares Ziel, um nicht komplett die Richtung zu verlieren. Und manchmal muss man aufhören, nur auf das Ziel zu starren, weil man sonst den ganzen Weg verpasst. So wie Autofahren und nur auf das Navi schauen, ohne aus dem Fenster zu gucken.
Ich merke bei mir selbst, dass ich die Reise mehr genießen muss. Nicht perfekt, nicht jeden Tag. Aber zumindest öfter mal innehalten und merken, dass ich gerade mittendrin bin und nicht im Wartesaal des Lebens sitze.
Mein persönliches, etwas chaotisches Fazit
Wenn du mich heute fragst, was wichtiger ist, dann sage ich: Es kommt drauf an. Ja, ich weiß, nervige Antwort. Aber ehrliche. Ziele geben Struktur, die Reise gibt Bedeutung. Ohne Ziel verläuft man sich, ohne Reise fühlt sich alles leer an.
Vielleicht geht es weniger darum, was wichtiger ist, sondern wie man beides zusammenbringt, ohne sich selbst zu verlieren. Und vielleicht ist es okay, das nicht komplett zu wissen. Ich weiß es jedenfalls noch nicht ganz. Und das ist auch Teil der Reise, schätze ich.